Judas

›Verräter! Elender Verräter! Wir kriegen dich! Dann gnade dir Gott!‹

Ich habe es nicht gewollt. Ich war naiv. So habe ich es mir nicht vorgestellt. Und plötzlich ist es passiert, das Unglück. Ich kam ins Straucheln. Ich verlor mein Gleichgewicht. Es warf mich aus der Bahn.

Ich hatte gedacht, ich muss es machen. Sie verlangen es von mir, für unser großes Ziel. Wenn ich es nicht tue, dann ist alles verloren.

Es merkt ja auch keiner. Keiner weiß, dass ich es war. So wie damals: Ein Kuss ist doch kein Verrat. So naiv habe ich gedacht.

Damals hat Judas seinen Meister verraten, Jesus, den Gottessohn. ›Ich sage euch, wo ihr ihn findet.‹ Heimlich. Kein Aufsehen. Keine Bilder. Nur ein Kuss. Nachts. Und Jesus: Gefangen, gefoltert, getötet.

Judas, du hättest es doch wissen müssen! Hast du es so gewollt? Dachtest du, einer muss es machen? Keiner merkt es? So naiv warst du?

Als Judas sieht, was er anrichtet, trifft es ihn wie der Schlag. Entsetztes Zurückweichen. Völlig aus dem Gleichgewicht. Sein Lebenswerk ist nur noch ein Scherbenhaufen. ›Verräter!‹ nennen sie ihn seitdem, auch noch nach seinem Freitod.

›Wir kriegen dich! Dann gnade dir Gott!‹ Ja, das ist gut Gnade. Gebe Gott all denen Gnade, die plötzlich vor dem Scherbenhaufen des Lebens stehen.

 

Jochem Westhof